Rennradfahren auf Fuerteventura – mehr als ein Trainigseldorado

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Endlose Asphaltbänder – Road Biken auf Fuerteventura

Eine weite Ebene, die Landschaft ist beige und ocker und wüst und leer, die Straße ein schmales schwarzes Asphaltband, das am Horizont verschwindet. 32 Grad, 15 km/h, im Flachen. Die Beine brennen, die Arme verkrampfen. Der Gegenwind bringt Kühle- und er bringt Schmerz. Wir fahren durch ein Dorf, dessen Name Böses verheißt. „ln Cadron beginnt der steilste Anstieg der Insel“, hatte Dario, der Guide heute Morgen gesagt. Der Asphalt hier ist rau und schwarz. Wir sind in einem kleinen Tal, das uns vor dem Wind schützt. Die Landschaft wechselt Ins Dunkelgraue. Keine Pflanze, kein Schatten, Wüste. Vor uns erhebt sich die erste Rampe, 17 Prozent. Der Schweiß tropft wie norddeutscher Landregen an mir herab. Es ist Mitte Oktober. Dies ist die Insel des Sommers -und des Windes. Fuerteventura. Manchmal verflucht man ihn, manchmal sehnt man ihn herbei, den Wind. Zwischen Liebe und Hass liegen nur Minuten. Am Anstieg von Cadron flehe ich nach ihm. Nur ein Hauch, eine Brise, eine Prise Erfrischung, gesandt vom Meer. Sie kommt erst oben, auf der Kuppe. Sanfte Berge, weite Blicke.

Die Abfahrt ist kurz. Danach geht es wellig weiter. Bis zu einer größeren Querstraße. Links führt sie in den flachen Süden, rechts in die Berge. Wir überlegen nicht lange, die Intuition leitet uns. Gen Norden. Der Asphalt ist gut, er flüstert nicht einmal. ln den nächsten 30 Minuten ist es sehr einsam um uns herum. Keine Menschen, keine Tiere, nicht einmal Mücken. Irgendwann quält sich ein alter Militärlaster an uns vorbei. Wir kommen nach Pajara. Es geht bergauf. Sanft, nie steiler als sechs Prozent. Wir sehen was uns bevorsteht. Die Straße, den braunen Berg, in dessen Hang sie verläuft, kilometerweit. Der Ausblick ins Tal ist grenzenlos Wüste, Hügel, die ihre Farben wechseln, das Schattenspiel der Wolken. Oben halten Touristenbusse. Kolkraben stehen auf der Parkplatzbrüstung und lassen sich fotografieren Models für ein paar Krumen Brot.

Die Abfahrt ist schnell, die Straße so angelegt, als wäre das oberste Ziel ihrer Erbauer gewesen, dass Rennradfahrer optimal durch die Kurven gleiten können. Geschichte in den Bergen
Betancuria, die alte Hauptstadt der Insel. Ein paar weiße Häuser, eine Klosterruine, ein Kiosk mit ein paar hölzernen Sitzbänken davor. Die Kaffeepause wird zur Literweise-KalteGetränke-
Pause. Weiter bergauf. Der nächste Berg ist unrhythmischer, einige Stellen halten sich nicht an die sonst üblichen StandardFünf-Steigungsprozente. Der „Gipfel“ ist von weitem zu sehen.
Oben auf der Kuppe stehen zwei große Figuren aus Metall. Zwei Adonisse mit Speer in der Hand, Könige der Guanchen, der ersten Siedler. Sie sollen von einem Berberstamm aus Nordafrika abstammen.

Fuerteventura Trainingslager Rennrad

Endlose Asphaltbänder

Um 1400 nach Christus gab es zwei Königreiche auf Fuerteventura. Und eine Grenze: eine Steinmauer, die die Insel teilte. Von ihr ist heute nichts mehr zu sehen. Wir haben auch gerade keinen Blick für die Landschaft . in der Abfahrt klammert sich jeder an seinen Lenker. Wir stemmen uns gegen die starken Windböen, die vom Meer kommen. Dies war die höchste asphaltierte Straße der
Insel. Die Berge hier sind nicht sehr hoch, nicht sehr ruppig. Doch das Kilometersammeln ist keine Selbstverständlichkeit. Fuerte-Kilometer sind Qualitäts-Kilometer. Wegen des Windes und der Wärme. Die lange Abfahrt führt nach Antigua, es ist flach, so ziemlich. Über Tuineje rollen wir zurück nach Süden. Den Wind im Rücken, 45 km/h. Eine kleine Straße führt nach links, nach Las Playitas. Wir fahren auf einem Radweg, neu und schmal und rot. Ein letzter kleiner Hügel, von oben sehen wir das Meer, das Dorf und die Hotelanlage, groß wie ein eigenes Dorf. Neue weiße und beige Häuser auf schwarzem Hügel, davor das Grün des Golfplatzes. Wir rollen vorbei an roten Tennisplätzen, Joggern, Trimmdichpfaden, Villen, Pools, einem Supermarkt – das Hotel ist eine Stadt. Mittendrin, am „Dorfplatz“, ist die Radstation, groß wie ein Tennisplatz, voller Rennräder und Mountainbikes. Drinnen ist es kühl. Aus den Sporthallen nebenan dröhnen die Beats der Zumba-Kurse. Daneben ziehen die Schwimmer in einem 50-Meter-Becken ihre Bahnen. Der Techno aus dem riesigen Kraftraum dahinter ist noch härter als der Zumbatechno. Das Playitas ist ein Sporthotel. Das spürt man bei der Ausstattung – und beim Essen. Abends gibt es Fisch, mageres Fleisch, Gemüse, Salat und viele viele Formen von Kohlenhydraten.

Keine Kompromisse An den nächsten beiden Tagen ist es fast windstill – relativ gesehen. Dies ist keine Insel der Kompromisse. Die Energie, die der Körper sonst in den Kampf gegen den Wind investiert steckt er jetzt in die Kühlung. Mit dem Wind kommen die Wolken, mit den Wolken kommt die Erlösung. Vor den Strahlen der Sonne. Die Landschaft auf Fuerteventura ist anders fremd, weniger grün. Und doch faszinierend die Dünen im Norden, die weißen Strände im  Süden, die Berge in der Mitte, kaum Autos. Zwischen Oktober und Mai ist hier Hochsaison der Radfahrer und Triathleten. Doch auch im Sommer ist es auf den Kanaren nicht zu heiß. Der Wind mildert die Hitze. Wir gewöhnen uns alle schnell an die Einsamkeit auf den Straßen. Nur am vierten Tag, als
wir nach Süden in Richtung La Pared fahren. ist auf der Küstenstraße etwas mehr Verkehr. Doch die Ausblicke auf den Atlantik, auf die Buchten und Steilküsten, entschädigen für alles. Jeden Morgen treffen sich einige Hotelgäste vor dem Radraum. Es bildet sich ein harter Kern aus Triathleten und Radfahrern. Die meisten davon aus Skandinavien. Auf den flachen Runden macht uns Kim auf seinem Zeitfahrrad das Leben schwer. Reinigende Rituale. Nach wenigen Fahrten hat man schon die Orientierung. Fast alle Wege nach Norden führen über Tuineje. In Antigua kennt man mich schon am dritten Tag. Ich stoppe jedes Mal vor demselben Mini-Laden. Die Dame hinterm Tresen lächelt jedesmal, ein Lächeln voller Empathie, in ihren Augen ein kleines Fragezeichen: Warum macht der das? ln der Hitze, in der Siestazeit? Ein Liter Wasser und eine Dose Cola por favor. Wenn wir von unseren Touren zurückkommen, sehen wir die Aerobicfrauen in der Sonne
schwitzen, die Tennisspieler schlagen, die Läufer laufen, die Golfer putten, die Schwimmer schwimmen, die Kraftsportler stemmen. Wir stemmen uns gegen den Wind, durchschneiden
ihn, akzeptieren ihn. Jeden Tag. Morgen wieder. Die Fahrten durch die Wüste, umgeben von Wind, Sand, Felsen, Lavageröll, wirken reinigend, meditativ. Man denkt an den Sinn, man philosophiert. Fuerteventura kann einen erden. Es ist ein Ort, an dem man zu sich findet. Und damit findet man auch Erkenntnisse. Wie etwa: Wo Gegenwind ist. da ist auch Rückenwind.
Irgendwann.

Video Rennrad Fuerteventura

Bilder Rennrad Fuerteventura

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Rennrad Fuerteventura - die endlosen Asphaltbänder der Insel locken nicht nur ambitionierte Fahrer zum Traininglager in den Süden - Fuerteventura ist gerade wegen de Steigungen und dem meist wehenden Wind interessant und eine besondere Herausforderung für Road Biker.

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